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Autonomie im Alter:

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Rezension zum Buch Autonomie im Alter

Martin Huber, Siglinde A

socialnet.de           Rezension

Martin Huber, Siglinde A. Siegel u.a.: Autonomie im Alter. Leben und Altwerden im Pflegeheim

Martin Huber, Siglinde A. Siegel, Claudia Wächter, Andrea Brandenburg: Autonomie im Alter. Leben und Altwerden im Pflegeheim - Wie Pflegende die Autonomie von alten und pflegebedürftigen Menschen fördern. Schlütersche Verlagsgesellschaft (Hannover) 2005. 176 Seiten. ISBN 3-87706-688-7. 16,90 EUR, CH: 28,90 SFr.
Reihe: Pflegekolleg.

AutorInnen

Die nachstehenden Personen sind die maßgeblichen AutorInnen der Publikation. Sie sind allesamt AbsolventInnen der Kath. Fachhochschule Freiburg:

  • Martin Huber ist Dipl.-Pflegepädagoge. Er arbeitet an einer Gesundheits- und Krankenpflegeschule. Er unterrichtet u.a. das Themengebiet "Gerontologie".
  • Andrea Brandenburg ist Dipl.-Pflegewirtin. Sie arbeitet als Qualitätsmanagerin in einem Zentrum für Psychiatrie.
  • Siglinde Anne Siegel ist Krankenschwester und Dipl.-Pflegepädagogin. Sie ist als Pflegesachverständige für eine Heimaufsichtsbehörde tätig.
  • Claudia Wächter ist Kinderkrankenschwester und Dipl.-Pflegepädagogin. Sie arbeitet als Projektleiterin im Schulzentrum eines Klinikums.

Die o.g. AutorInnen sind durch Beiträge und Beratung von vier weiteren Fachleuten unterstützt worden:

  • Prof. Dr. Hermann Brandenburg ist Professor für Grundlagen der Pflege, für Gerontologie und Pflegewissenschaft.
  • Daniel Bremer ist Mentor für Philosophie, Literatur- und Kulturwissenschaften sowie Lehrbeauftragter für Ethik.
  • Margret Oelhoff ist Lehrerin und Mitinitiatorin eines Fördervereins, der sich zum Ziel gesetzt hat, alten- und behindertengerechten Wohnraum zu schaffen.
  • Dr. Andreas Zimber ist Dipl.-Psychologe und Personalentwickler. Er ist als Organisationsberater und Trainer tätig.

Angaben aus namentlich gekennzeichneten Beiträgen erfolgen unter Nennung des Autors/der Autorin. Liegen keine Hinweise vor, wird die Formulierung "die AutorInnen" verwendet. Die Angabe "Brandenburg" verweist auf Hermann Brandenburg (s.o.).

Zielgruppen und Ziel

Ausdrücklich wendet sich die Publikation an PraktikerInnen der stationären Altenpflege. Diese Zielgruppe soll nach Aussage der AutorInnen dazu eingeladen werden, "sich mit der aktuellen Diskussion um Autonomie im Alter in Gerontologie und Pflegewissenschaft auseinander zu setzen" (S. 11). Als zentrales Ziel des Buches wird angegeben, Pflegekräften praxisnahe Möglichkeiten aufzuzeigen, für sich selbst und für die zu pflegenden alten Menschen mehr Autonomie und Selbstbestimmung im Pflege- und Lebensalltag zu erreichen. Des Weiteren geben die AutorInnen "Curriculare Anregungen für ein Qualifizierungskonzept" (S. 76) und setzten sich mit "Neue(n) Strategien des Managements von Pflegeeinrichtungen (S. 127) auseinander. Demzufolge werden als nicht explizit erwähnte Zielgruppen auch PflegepädagogInnen und andere ExpertInnen der Pflegewissenschaft sowie PflegemanagerInnen und andere MitarbeiterInnen der Leitungsebene von Altenpflegeeinrichtungen und Trägern angesprochen.

In diesem Zusammenhang muss jedoch erwähnt werden, dass die AutorInnen an anderer Stelle darauf hinweisen, dass "zu wenig auf die Perspektive der Pflegenden selbst eingegangen wird" (S. 142). Sie fordern daher die aktive Mitarbeit der Pflegekräfte an der Konzeptionserstellung und die Offenheit der Leitungsebene für konstruktive Verbesserungsvorschläge durch AltenpflegerInnen.

Aufbau und Kurzübersicht

Die AutorInnen widmen sich in dieser 176-seitigen Publikation dem Thema "Autonomie alter Menschen in Pflegeheimen". Schwerpunkte des Buches sind die Betrachtung des Begriffs "Autonomie", die Präsentation einer im Vorfeld der Manuskripterstellung durchgeführten themenbezogenen Studie sowie die Darlegung von Perspektiven für eine autonomiefördernde Pflege alter Menschen.

  • Eingangs findet eine Beschäftigung mit der aktuellen Situation in der Altenpflege und dem Verhältnis von Gesellschaft zur stationären Altenhilfe statt (Kap. 1).
  • Folgend werden die LeserInnen mit zwei Damen bekannt gemacht, die exemplarisch für die in Pflegeheimem lebenden Menschen stehen (Kap. 2).
  • Darauf folgen eine wissenschaftliche Definition des Begriffs "Autonomie" und eine Abgrenzung zu anderen Ausdrücken (Kap. 3).
  • Nachstehend wird die Komplexität des Autonomiebegriffs herausgestellt. Die daraus folgenden ethischen Konflikte werden problematisiert (Kap. 4).
  • Danach werden Forschungsergebnisse von Untersuchungen präsentiert, die sich mit der Thematik "Autonomie in Alten(pflege)heimen" befasst haben (Kap. 5).
  • Anschließend wird das u.a. von den AutorInnen initiierte Forschungsprojekt "Autonomie im Alter" vorgestellt (Kap. 6).
  • In dem darauf folgenden, umfangreichsten Teil der Arbeit werden Anregungen für Pflegepraxis, Pflegepädagogik und Pflegemanagement mit dem Ziel gegeben, autonomiefördernde Pflege in stationären Pflegeeinrichtungen zu etablieren (Kap. 7).
  • Im letzten Kapitel werden Hemmnisse in der Umsetzung der Autonomieförderung beschrieben und Wege aus dem Dilemma aufgezeigt (Kap. 8).
  • Das Buch schließt mit Angaben zur verwendeten Literatur, mit relevanten Adressen und Links, einem Autorenverzeichnis, dem Abdruck des Interviewleitfadens und von Ankerbeispielen sowie einem Register.

Nachstehend werden die Inhalte der einzelnen Kapitel umfassender beschrieben, sowie Kernaussagen und interessante Ergebnisse herausgestellt.

Kap. 1: Die Situation in der Altenpflege

Im ersten Kapitel wird mit Erkenntnissen zum Status Quo der Altenpflege, zur Bevölkerungsentwicklung und zur öffentlichen Meinung aufgewartet.

  • Die AutorInnen konstatieren eingangs, dass die Arbeit in der Altenpflege vielen Pflegekräften immer schwerer fällt. Als Gründe werden die steigende Arbeitsverdichtung, Personalkürzungen, die Zunahme der Pflegebedürftigkeit, die wachsende Erwartungshaltung der HeimbewohnerInnen und der Angehörigen, der stärker werdende Zeitdruck sowie die zunehmenden Reglementierungen durch die neue Sozialgesetzgebung aufgeführt.
  • Anschließend wird in die Diskussion um die alternde Gesellschaft eingestiegen, die von den AutorInnen als oftmals unsachgemäß geführt erlebt wird. Fakten zum steigenden Durchschnittsalter und zur sinkenden Geburtenrate werden gegeben. Zudem wird eine Prognose des Statistischen Bundesamtes zitiert, nach der im Jahr 2050 auf 100 Erwerbstätige 85 Senioren kommen sollen.
  • Auch wird das schlechte Renommee von Alten(pflege)heimen benannt, dass mit Assoziationen wie Abhängigkeit, Anonymität oder Verlust an Privatsphäre einhergeht. Studien wie die von Goffman zum Thema "Totale Institutionen" haben einzelne Sozialwissenschaftler dazu bewogen, die Abschaffung der Heime zu fordern (vgl. S. 16).
  • Mit einer gewissen Skepsis verbunden stellen die AutorInnen schließlich eine aus Ratgebern für SeniorInnen entlehnte Checkliste vor, die helfen soll, dass richtige Heim zu finden.

Kap. 2: Frau Gnädig und Frau Eisele

Die zwei erfundenen Bewohnerinnen stehen den AutorInnen zufolge mit ihren Biographien exemplarisch für die in der Bundesrepublik annährend 604 000 alten Menschen, die in stationären Einrichtungen der Altenhilfe leben. Die Schilderung ihrer Schicksale soll die Verständlichkeit des Buches erhöhen. Der Bezug zur Praxis in der Altenpflege soll hergestellt werden, indem Frau Gnädig und Frau Eisele die LeserInnen beispielgebend durch das gesamte Buch begleiten (vgl. S. 18 ff.).

  • Die 93-jährige Frau Gnädig wird als Mensch charakterisiert, der mit allem zufrieden ist. Bedingt durch einen Schlaganfall musste sie aus ihrer geräumigen Wohnung ausziehen. Sie lebt nunmehr seit 14 Jahren im Heim. Ihre Sinneswahrnehmungen sind eingeschränkt. Der Ehemann ist im Krieg verstorben. Die drei Kinder sorgen sich um ihre finanziellen Angelegenheiten.
  • Die 78-jährige Frau Eisele war lange Jahre als Hauswirtschafterin beschäftigt und in Vereinen aktiv. Ihr Ehemann starb vor sieben Jahren. Kontakt besteht zu einer ebenfalls älteren Cousine. Aufgrund einer Arthrose ist sie auf einen Rollstuhl angewiesen. Sie ist jedoch geistig rege, tritt selbstbewusst gegenüber Pflegekräften auf und ist im Heimbeirat engagiert.

Kap. 3: Was ist unter Autonomie zu verstehen?

Im ersten Schritt und als Schwerpunkt dieses Kapitels wird sich dem Begriff "Autonomie" aus allgemeiner, philosophischer, systemtheoretischer und ethischer Perspektive genähert. Im zweiten Schritt wird die pflegewissenschaftliche Sicht erörtert. Im dritten Schritt wird der Begriff im Kontext von Alten(pflege)heimen betrachtet. Im vierten Schritt erfolgen Abgrenzungen zu verwandten Ausdrücken.

  • Die LeserInnen erfahren, dass der Begriff "Autonomie" auf die griechischen Wörter "autos" (selbst) und "nomos" (Gesetz) zurückzuführen ist. Autonomie bedeutet demzufolge, eigene Gesetze zu haben. Der Begriff impliziert "Unabhängigkeit, Selbstbestimmung, Individualität, Kreativität, Freiheit, Emanzipation, Wahlmöglichkeiten, Selbständigkeit" (S. 21). Die AutorInnen weisen jedoch darauf hin, dass Autonomie in einen sozialen Kontext zu stellen ist und dass bei einer Diskussion um den Begriff ein enger Bezug zur Menschenwürde hergestellt werden muss.
  • Die philosophische Interpretation des Begriffs führt zu Kant, dessen Leitsatz lautet: "Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen" (S. 22). Der Philosoph fordert dazu auf, selbstverantwortlich zu handeln, Menschen niemals nur als Mittel, sondern immer auch als Zweck anzusehen, eigene Handlungen nach einem allgemeingültigen Prinzip auszurichten sowie die Idee der Menschheit weiter zu entwickeln.
  • Systemtheoretische Ansätze befassen sich mit der Autonomie von Systemen, wobei Einzelne als "psychische Systeme" und Gruppen als "soziale Systeme" verstanden werden (vgl. S. 23). Die AutorInnen stellen die Theorie des Strukturfunktionalismus, die soziologische Systemtheorie, die Theorie der offenen und die der geschlossenen Systeme vor.
  • Der mehrseitige Exkurs von Bremer zur Begriffsbestimmung von Autonomie aus ethischer Sicht beginnt mit einem Pflegealltagsgespräch. Anhand der unterschiedlichen Interpretationen einer Pflegesituation durch zwei Pflegekräfte kommt der Autor zu dem Schluss, dass die Vorstellung von Autonomie vom "gerade noch Wünschen Können" (S. 24)  über verschiedene Grade von Selbständigkeit bis zu einem vernünftigen, unabhängigen Subjekt reicht. Im weiteren Verlauf erörtert Bremer, dass Autonomie weder mit physischer noch psychischer Handlungsfreiheit gleichgesetzt werden sollte. Zudem plädiert er dafür, der Auffassung von "Autonomie als Eigenschaft" die der von "Autonomie als Prozess" (S. 30) hinzuzufügen.
  • Autonomievorstellungen in der Pflegewissenschaft und Medizin beziehen sich den AutorInnen zufolge einerseits auf den kognitiven Bereich im Sinne von Entscheidungsfähigkeit und andererseits auf den physischen Bereich im Sinne von Selbständigkeit und Unabhängigkeit.
  • Den Ausführungen zufolge steigt in Alten(pflege)heimen das Gefühl von Autonomie bei den BewohnerInnen, wenn ihnen Wahlmöglichkeiten angeboten werden. Des Weiteren ist die Bereitstellung von adäquaten Informationen eine Grundvoraussetzung für selbstbestimmte Entscheidungen.
  • Die AutorInnen weisen darauf hin, dass der Begriff "Autonomie" von den Ausdrücken "Selbständigkeit" und "Kompetenz" abgegrenzt werden muss. Selbständigkeit ist "die Fähigkeit, sein Leben aus eigener Kraft zu führen" (S. 33). Jedoch können auch unselbständige Menschen autonom/selbstbestimmt handeln. Als kompetent erleben sich Menschen, die etwas bewirken können. Dazu ist Autonomie eine Grundvoraussetzung.

Kap. 4: Autonomieförderung durch Pflegende in der Langzeitpflege?!

Im ersten Abschnitt des Kapitels geht Brandenburg auf die Bedeutung der Förderung von Autonomie in Einrichtungen der stationären Altenhilfe ein. Im zweiten Abschnitt setzt er sich mit den Möglichkeiten und Grenzen der Autonomieförderung durch Pflegekräfte anhand des Konzepts der Polaritäten von Autonomie auseinander.

  • Die Bedeutung von Autonomieförderung untermauert Brandenburg anhand eines von Langer und Rodin im Jahre 1976 durchgeführten Feldexperiments, in dessen Rahmen zwei Gruppen in einer stationären Einrichtung gebildet wurden. In der Experimentalgruppe wurde Eigenverantwortlichkeit und Mitbestimmung bewusst gefördert, in der Kontrollgruppe hingegen wurde die Verantwortung auf das Personal übertragen. Die Ergebnisse der Studie zeigten nur bei den Angehörigen der Experimentalgruppe einen Zuwachs an Wachsamkeit, Aktivität und Zufriedenheit (vgl. S. 36).
  • Das Konzept des Gerontologen Collopyaus dem Jahre 1988 stellt sechs Polaritäten gegenüber, von denen Brandenburg drei exemplarisch herausgreift. Anhand von Beispielen lässt er die Bedeutung der Begriffspaare "kompetente vs. inkompetente Autonomie", "authentische vs. nichtauthentische Autonomie" und "unmittelbare vs. längerfristige Autonomie" lebendig werden. Verweigert eine Patientin die viel versprechende Chemotherapie, will eine Dame plötzlich gegen ihre Prinzipien in ein Heim ziehen oder lässt eine Altenheimbewohnerin nach einem Schlaganfall des Öfteren die Termine zur Physiotherapie aufgrund von situativem Unwillen ausfallen, kommt es im sozialen Umfeld aufgrund der Prioritätensetzung der Betroffenen zu ethischen Konflikten.

Kap. 5: Autonomie im Kontext von Alten- und Pflegeheimen

Die AutorInnen stellen in diesem Kapitel verschiedene Ansätze und die Forschungsergebnisse von Studien vor, die sich direkt oder indirekt mit dem Thema "Autonomie in stationären Pflegeeinrichtungen" auseinander gesetzt haben. Eingangs wird die Anwendbarkeit des klassischen Autonomiekonzepts auf Einrichtungen der Langzeitpflege auf den Prüfstand gestellt. Darauf werden das Konzept der "Totalen Institution", die MUGSLA-Studie, ein Teil des BIOMED 2 Projekts sowie die Studie "Residents" Autonomy" vorgestellt und kritisch beleuchtet (vgl. S. 41 ff.).

  • Das klassische Autonomiekonzept steht in der Tradition des Liberalismus und kann den AutorInnen zufolge als Ideal angesehen werden. Jedoch ignoriert das Konzept die Lebensrealität alter Menschen in Institutionen, die per Definition Eingriffe in die persönliche Autonomie vornehmen. Zudem legt das Konzept den Schwerpunkt auf existentielle Entscheidungen und vernachlässigt die in den täglichen Heimsituationen vorherrschenden Alltagsentscheidungen.
  • Die Aussage des Soziologen Goffman aus dem Jahre 1973, dass soziale Einrichtungen wie Psychiatrien, Waisenhäuser oder eben Altenheime als "Totale Institutionen" zu bezeichnen sind, in denen die betroffenen Menschen durchweg fremdbestimmt werden, wird von den AutorInnen problematisiert. Auch aktuell sind die BewohnerInnen jedoch einem System von Regeln unterworfen, außerdem sind die sozialen Beziehungen zu Menschen außerhalb und die Privatsphäre eingeschränkt.
  • Die MUGSLA-Studie (1998) ging der Frage nach, inwiefern in stationären Alten(pflege)einrichtungen Selbständigkeit, Selbstbestimmung und Individualität der BewohnerInnen erhalten und gefördert werden. Die Die AutorInnen der Studie kommen kommt zu dem Schluss, das die Handlungsspielräume eher als gering einzuschätzen sind, die Freiräume von HeimbewohnerInnen jedoch in Abhängigkeit vom Pflegebedarf mit denen von Menschen vergleichbar sind, die ambulant versorgt werden.
  • Mit der Perspektive von älteren institutionalisierten Menschen wurde sich in einer Studie (2001) im Rahmen des BIOMED 2 Projekts "Patient's autonomy and privacy in nursing interventions" befasst. Die Ergebnisse zeigen, dass die befragten Älteren wenig über Pflegemaßnahmen informiert wurden und kaum selbstbestimmte Entscheidungen treffen konnten. Je älter sie waren, desto größer war das Informationsdefizit.
  • Die Autoren der Studie "Residents' Autonomy: Nursing Home Personnels" Perceptions" (2002) formulierten die Ausgangsthese, dass die Autonomie von HeimbewohnerInnen durch die täglichen Pflegemaßnahmen häufig verletzt wird. Die Studie erbrachte die Ergebnisse, dass Hilfskräfte weniger in der Lage waren, die Autonomie der BewohnerInnen zu respektieren und dass institutionelle Rahmenbedingungen keinen signifikanten Einfluss haben.

Kap. 6: Ein Forschungsprojekt zu Autonomie im Alter

Das Ziel der von den AutorInnen u.a. durchgeführten qualitativen Studie war es, den Grad der Autonomie von HeimbewohnerInnen, bezogen auf das Erleben des Alltags, zu erfassen. Die subjektive Wahrnehmung der alten Menschen stand dabei im Mittelpunkt. Es wurden semistrukturierte Interviews mit sechs Bewohnerinnen durchgeführt. Der Interviewleitfaden wurde in die Kategorien "Informationsgrad", "Entscheidungsspielraum" und "erlebte Gefühle" sowie in die Dimensionen "Körperpflege", "Ernährung", "Wohnen" und "Freizeit" eingeteilt (vgl. S. 47 ff.). Die Forschungsergebnisse:

  • Die interviewten Frauen fühlten sich gut informiert.
  • Sie stuften ihren Entscheidungsspielraum jedoch insgesamt als gering ein.
  • Je enger eine Dimension in die Organisationsabläufe der Institution integriert ist, desto geringer wurde der Entscheidungsspielraum eingeschätzt.
  • Die Bewohnerinnen sprachen dem Aspekt des Wohnens eine große Bedeutung zu.

Kap. 7: Perspektiven für eine autonomiefördernde Pflege alter Menschen

Die Beiträge in diesem Kapitel beinhalten Ideen zur Integration des Ansatzes von autonomiefördernder Pflege in der Aus-, Fort- und Weiterbildung, zur Selbstpflege von Pflegenden, zur Planung des Heimeintritts und zur Entwicklung einer Biographie-Sensibilität. Des Weiteren beinhalten sie Vorschläge für neue Strategien des Managements von Alten(pflege)einrichtungen als auch aktuelle Konzepte der Altenpflege (vgl. S. 72 ff.).

  • Zur autonomiefördernden Pflege gehört dazu, Pflegebedürftige als gleichwertige Subjekte anzuerkennen. Auf die Lebensgeschichten und Sichtweisen der alten Menschen einzugehen ist ebenso Bestandteil. Ziel der Altenpflege ist die Unterstützung der BewohnerInnen bei der Gestaltung des persönlichen Lebensraumes und die Förderung ihrer Kompetenzen. Pflegekräfte sollen über sozial-kommunikative und personale Kompetenz, Sach- und Methodenkompetenz sowie über Reflexions- und Konfliktfähigkeit verfügen. Berufsausbildungen und Weiterbildungen sollen den AutorInnen zufolge durch "Fallbeispiele" und erfahrungsbezogenen Unterricht angereichert werden.
  • Unter Selbstpflege-Kompetenz verstehen die AutorInnen die Fähigkeit, mit den Anforderungen des Pflegeberufs als auch mit dem eigenen Körper und der Psyche angemessen umzugehen. Sie regen an, das AEDL-Konzept nach Krohwinkel ("Aktivitäten und existeziellen Erfahrungen des Lebens") nicht nur bei den BewohnerInnen, sondern auch zur Auseinandersetzung mit den eigenen Lebensaktivitäten anzuwenden. Zur Analyse des Selbstpflegeverhaltens wird empfohlen, dass eigene Verhalten in einem Selbstpflegeblatt zu protokollieren. Zudem kann die Strukturierung des Arbeitstages den AutorInnen zufolge eine Maßnahme sein, um Zeitdruck zu mindern. Des Weiteren wird auf das Qualifizierungsprogramm eines Unfallversicherungsträgers verwiesen, dass Konflikt- und Stressimunisierungtraining beinhaltet.
  • Konstruktive Heimeintrittsplanung und -gestaltung können das Erleben von alten Menschen bei einem Umzug in eine stationäre Einrichtung der Altenhilfe positiv beeinflussen. Konzepte für den Heimeintritt sollen nach Huber folgende Kernaspekte enthalten: Wohnen auf Probe, Patenschaften durch HeimbewohnerInnen und Beratungsgespräche. In der Einzugsphase soll eine intensive psychosoziale Betreuung stattfinden. Den alten Menschen wird angeraten, zusammen mit ihren Angehörigen schon frühzeitig mit der Planung eines Umzugs in ein Alten(pflege)heim zu beginnen. Die Konzeption einer Einrichtung des betreuten Wohnens wird beispielgebend angeführt. Oelhoff schildert die Projekteigenschaften "Gemeinwesenorientierung, Milieubezogenheit und Förderung der Selbstbestimmung" (vgl. S. 105 f.).
  • "Um die Individualität der Bewohner im Sinne einer Vorstufe von Autonomie zu fördern, bedarf es einer Sensibilität für die Biographie des Einzelnen" (S. 124). Siegel führt mit der Vorstellung von zwei Gedächtnismodellen (Mehr-Speicher Modell, episodisches vs. semantisches Gedächtnis) in das Thema "Biographiearbeit" ein. Darauf befasst sie sich mit dem Vorgang des Erinnerns und dem Phänomen des Vergessens. Erinnerung wird als Neuinterpretation des Vergangenen entlarvt. Das autobiographische Gedächtnis bildet Siegel zufolge die Grundlage für das Erleben von Individualität und Persönlichkeit. Biographiearbeit in Alten(pflege)heimen kann von den BewohnerInnen als sinnstiftend erlebt werden sowie ein Schritt zu mehr Selbstbewusstsein und zum Erleben von Andersartigkeit sein. Die Lebensrückschau kann Erinnerungen an Leistungen und die damit verbundene Anerkennung wachrufen. Abschließend beschreibt Siegel einige Methoden der Biographiearbeit (Erzählcafé, Erinnerungskoffer, Lebensbücher, Sütterlin-Projekt).
  • Neue Strategien des Managements von Alten(pflege)heimen sollen Brandenburg zufolge die Aspekte "kooperativer Führungsstil" und "kooperatives Arbeitsklima" enthalten. Wird von der Führungsebene direktiv entschieden, spiegelt sich dieses Verhaltensmuster oft in der Beziehung zwischen MitarbeiterInnen und BewohnerInnen wider. Pflegende können nur dann auf Selbstbestimmung und Selbständigkeit achten, wenn sie ihre Arbeit selbstverantwortlich an den Bedürfnissen der Gepflegten ausrichten können (vgl. S. 127). Andere Strukturelemente sollen nach Brandenburg die Bezugspflege, eine adäquate Pflegeanamnese und Pflegedokumentation, ein standardisiertes "Klientenbeurteilungssystem" sowie die Beteiligung von BewohnerInnen an Entscheidungen sein.
  • Eden-Alternative und Domino-Coaching werden von Huber beispielhaft als "moderne Konzepte" in der Altenpflege vorgestellt. Herausragende Zielsetzungen der Eden-Alternative sind das Herstellen einer Normalität im alltäglichen Leben und das Entwickeln eines Gefühls des Gebrauchtwerdens und Nützlichseins. Zur Umsetzung sollen Haustiere, basale Stimulation, Validation und lebensweltorientierte Wohnraumgestaltung zum Einsatz kommen. Inhalte von Domino-Coaching sind systemisches Erstgespräch, Stärken-Schwächen-Profil, Zielvereinbarung, und Evaluation. Ausgewählte MitarbeiterInnen werden durch Rollenspiele und praktische "Fallarbeit" geschult.

Kap: 8: Kann die Umsetzung in die Praxis gelingen?

Am Ende des Buches stellen die AutorInnen Hemmschwellen für eine moderne Altenpflege vor, bieten Lösungsvorschläge und eine situationsspezifische Auffassung des Autonomiebegriffs an.

  • Es werden Faktoren auf der Makro-, Meso- und Mikroebene benannt, die eine Umsetzung von autonomiefördernder Pflege beeinflussen. Erwähnt werden reduzierte Sozialetats, die Verdrängung von Alter, Tod und Sterben aus der öffentlichen Wahrnehmung, die Exklusion von Pflegekräften bei der Gestaltung von Konzepten sowie die von diesen eingenommene Opferrolle.
  • "Wege aus dem Dilemma" (S. 144) sehen die AutorInnen darin, dass sich Pflegende über die Motive für den Berufseintritt klar werden und sich weiterqualifizieren. Sie verweisen aber auch auf die große Verantwortung, die pflegebedürftige Menschen selbst für ein selbstbestimmtes Leben im Heim tragen.
  • Schlussendlich regen sie ein modifiziertes Autonomieverständnis an, dass den an ein Individuum gebundenen Allgemeingültigkeitsanspruch von Autonomie zugunsten eines Aushandlungsprozesses zwischen den Beteiligten fallen lässt (vgl. S. 147).

 

Bewertung - negative Aspekte

  • Inhaltliche und stilistische Schwächen sind kaum zu konstatieren. Lediglich das Essay "Autonomie - Überlegungen aus ethischer Sicht" ist kritikwürdig. Erstens ist die Ausdrucksform nicht der Zielgruppe angepasst, was durch den Satz "Selbst Phantome wie 'Freiheit an sich' spekulieren zwar auf etwas Kontexttranszendentes oder Kontextinvariantes, rekurrieren aber semantisch doch auf die eine oder andere Form bedingter Freiheit ..." (S. 27) verdeutlicht werden kann. Zweitens widerspricht der Autor dem an anderen Stellen in der Arbeit vorgestellten Wertekanon für Pflegekräfte (bspw. S. 76 ff.), wenn er am Anfang der Abhandlung einen Pflegenden in einem konstruierten Pflegealltagsgespräch sagen lässt "Ach lass mal, der kriegt ohnehin nicht(s) mit ..." (S. 24) und er dann den LeserInnen als Ratschlag mit auf den Weg gibt, "Frage(n) in aktiver Weise offen zu halten ... Diskursangebotssignale auszusenden" (S. 31) und lediglich zum Gespräch einzuladen, wenn "der Kontext" reagiert. Daraus leitet sich eine Tolerierung statt einer Thematisierung des pflegerischen Fehlverhaltens ab.
  • Auf Seite 16 wird aus meiner Sicht völlig zu Recht der Begriff "Pfleger" in einer Checkliste zum Heimeinzug kritisiert, da 86% der Pflegenden Frauen sind. An den meisten Stellen verwenden die AutorInnen jedoch selbst die männliche Form (bspw. S. 81, 102, 118, 147).
  • Auf eine Aussage wie "Pflegeheim für Demente" (S. 25) sollte verzichtet werden, möchte man die Glaubwürdigkeit eines modernen und emanzipativen Ansatzes nicht in Frage stellen (Menschen sind Träger von Eigenschaften, können aber nicht auf einzelne Aspekte reduziert werden).
  • Auf Seite 49 wird davon gesprochen, dass nur "Bewohner derselben Pflegestufe", nämlich der "Pflegestufe 1" befragt werden sollen. Auf Seite 55 ist hingegen zu lesen, dass "die Bewohnerinnen hilfs- und pflegebedürftig im Sinne der Pflegestufe 1 und 2 sein" sollen.
  • Im Tabellenverzeichnis ist versäumt worden, die entsprechenden Seitenzahlen anzugeben und im Abbildungsverzeichnis sind die angegebenen Seitenzahlen falsch (s. S. 174, bspw. S. 11-14, 35-55, 158-145). Zudem sind Tabellen- und Abbildungsverzeichnis nicht im Inhaltsverzeichnis angeführt (s. S. 7).
  • An einigen Stellen treten unnötige Wiederholungen auf (bspw. S. 52/53, 116/117, 148/149).

Bewertung - positive Aspekte

  • Struktur, Aufbau und Inhalt der Arbeit sind überzeugend. Notwendiges Hintergrundwissen wird vermittelt, die Situation in der Altenpflege beleuchtet, Studienergebnisse werden vorgestellt, Konzepte kritisch betrachtet als auch Perspektiven einer autonomiefördernden Pflege eröffnet.
  • Die Publikation besticht durch die Verwendung vieler Stilelemente. Diese werden in der richtigen Dosierung eingesetzt. Im Einzelnen sind zu erwähnen:
    • Kernaussagen sind durch Schattierungen hinterlegt.
    • Zitate sind kursiv hervorgehoben.
    • Bedeutsame Begriffe sind fett gedruckt.
    • Graphiken und Tabellen veranschaulichen Zusammenhänge und vermitteln  relevante Aussagen auf einen Blick.
    • Zur Orientierung sind Kapitelbezeichnungen und ausgewählte Abschnittstitel am  Seitenanfang, durch eine Linie vom Fließtext getrennt, angegeben.
  • Die beiden in Kapitel 2 gegebenen exemplarischen Bewohnerinnenbiographien ziehen sich wie ein roter Faden durch das gesamte Buch. Frau Gnädig und Frau Eisele sind der Heimathafen für die LeserInnen, an dem sie an vielen Stellen im Buch nach Ausflügen in die facettenreiche Welt der Autonomie vor Anker gehen können. Der Praxisbezug wird nach theoretischen Überlegungen durch die Einflechtung der beiden Damen elegant hergestellt (bspw. S. 86, 132, 146).
  • Am Ende des Buches sind einige interessante Adressen und Links zusammengestellt. Die damit verbundenen Informationen gehen über das eigentliche Thema hinaus (S. 170).
  • Dieses Buch enthält ein - wenn auch eher dürftiges - Register, dass viele Fachpublikationen leider missen lassen (S. 175).
  • Die AutorInnen wünschen sich einen konstruktiven Meinungsaustausch mit den LeserInnen, sie erbitten eine kritische Rückmeldung und Berichte über eigene Erfahrungen (S. 9). Durch diese Einladung wird die Glaubwürdigkeit der im Buch getroffenen Aussagen untermauert.

 

 

Fazit

Der Anspruch der AutorInnen, Anregungen für die Praxis der autonomiefördernden Pflege geben zu wollen, wird eingelöst. Aber auch fundierte theoretische Grundlagen werden den LeserInnen nahe gebracht. Die vielen Stilelemente gestalten das Buch lesefreundlich, die zahlreichen Beispiele sorgen für die notwendige Vitalität.

Pflegekräfte, die erfahren wollen, wie sie (noch besser) zur Selbstbestimmung von HeimbewohnerInnen beitragen können, sowie Ausbildungsträger und Einrichtungsleitungen, die (weitere) Anstöße für die Konzeption einer autonomiefördernden Pflege erhalten wollen, sollten sich die Lektüre zulegen.


Rezensent
Dipl. Soz.-Arb. Torsten Thomas
Sozialdienst-Mitarbeiter eines Altenpflegeheims
Redakteur von www.altenheimsozialarbeit.de
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Zitiervorschlag
Torsten Thomas. Rezension vom 11.04.2006 zu: Martin Huber, Siglinde A. Siegel, Claudia Wächter u.a.: Autonomie im Alter. Leben und Altwerden im Pflegeheim. Schlütersche Verlagsgesellschaft (Hannover) 2005. 176 Seiten. ISBN 3-87706-688-7.

In: socialnet Rezensionen unter http://www.socialnet.de/rezensionen/3011.php, Datum des Zugriffs 05.05.2006.